

 |  Texte von Wolfgang Hohlbein
Bearbeitet von Dieter Winkler |
UNHEIL
Hauptpersonen


CONNY

Conny zwang sich, ihren Blick von dem unheimlichen Spiel der Schatten und ihrer eigenen überbordenden Fantasie zu lösen und den toten Mann vor sich anzusehen. Bisher hatte sie sich noch einreden können, dass es nur ihre Nerven waren, die ihr einen bösen Streich spielten, doch nun war ihr diese Ausrede genommen: Er stank tatsächlich nach Verwesung, ein süßlicher, in der Kehle würgender Gestank, der eine blitzartige Assoziation von reißendem Stahl und alles verschlingendem Schmerz in ihr auslöste. Obwohl sie es nicht wollte, wäre sie ein Stück vor ihm zurückgeprallt, hätte die rissige Wand in ihrem Rücken sie nicht daran gehindert.



DER VAMPIR

"Keiner rührt sie an! Das Miststück gehört mir!"

Im nächsten Sekundenbruchteil krallte sich eine Hand in ihre Haare, riss Conny grob vollends in die Höhe und nutzte die Gelegenheit auch noch, um ihren Schädel noch einmal gegen die Wand zu wuchten. Diesmal fand sie den Schmerz weniger erbaulich.

"Aufhören, habe ich gesagt!" Auch die Hand verschwand aus ihrem Haar und löste sich wieder in dem Meer aus gleißender Helligkeit auf, an dessen Ufer sie noch immer stand und vergeblich versuchte, irgendetwas zu erkennen.

Die Messerklinge blieb. Etwas Rotes schimmerte darauf.

Blut. Conny war sicher, dass es ihr eigenes war.



VLAD

Conny starrte ihn eine geschlagene halbe Minute lange an, und den Großteil dieser Zeit verbrachte sie damit, sich allen Ernstes zu fragen, ob sie die dunkle gekleidete Gestalt tatsächlich sah oder nun endgültig den Verstand zu verlieren begann. Selbst als sie schließlich sprach, war sie nicht ganz sicher, dass es wirklich ihre eigene Stimme war, die sie hörte. Zumindest hörte sie sich in ihren eigenen Ohren an wie die einer Fremden.

"Was ... was wollen Sie hier?", krächzte sie. "Sind Sie verrückt, hierher zu kommen?"

"Jetzt sollte ich eigentlich doppelt enttäuscht sein", seufzte Vlad, "ist das etwa eine Art, einen alten Freund zu begrüßen ... und so und ganz nebenbei auch noch seinen Schutzengel?"

"Was zum Teufel wollen Sie hier?", fauchte Conny - was nun ganz und gar die falsche Frage war. Die Richtige hätte lauten müssen: Wer zum Teufel sind Sie?



TRAUSCH

Trausch runzelte zweifelnd die Stirn, und sein Blick verfinsterte sich beinahe noch mehr. Er war nicht besänftigt, sondern wirkte ganz im Gegenteil eher noch zorniger, und ganz plötzlich wurde Conny klar, wie vollkommen falsch sie ihn eingeschätzt hatte. Sie hatte wie ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass Trausch vollkommen gefeit gegen so alberne menschliche Regungen wie Neid oder Missgunst oder auch einfach nur Stolz war. Wenn sie das, was sie jetzt in seinen Augen las auch nur ansatzweise richtig deutete, war er es nicht.

Seltsam ... der Gedanke, dass sich auch hinter Tauschs eiserner Selbstbeherrschung ein fühlender Mensch verbarg, sollte sie beruhigen.

Doch das genaue Gegenteil war der Fall.



TESS

Die Zeit schien einfach stehen zu bleiben, während Conny das geschockte Mädchen mit den violetten Haaren in den Armen hielt, und lief dann mit dreifacher Schnelligkeit weiter. Einer der wabernden Schemen hinter der Novabarriere wuchs zu einem Körper, der plötzlich auf sie zusprang und Tess aus ihrer schützenden Umarmung riss und zu Boden schleuderte. Irgendetwas traf Conny - vielleicht ein Schlag.

Es tat weh, war zugleich aber auch seltsam irreal - und endlich fand die Zeit in ihren normalen Ablauf zurück; wenn auch um den Preis einer schwarzen Lücke in ihrer Wahrnehmung. Sie fand sich plötzlich keuchend gegen die Wand gelehnt wieder, Blut floss über ihr Gesicht, und ihr Unterkiefer tat entsetzlich weh.

Aber sie musste weiter. Sie musste das Mädchen retten, mit dem sie eine etwas verband, dass sich nicht in Worte fassen ließ.



EICHHOLZ

Eichholz wartete, bis Conny Platz genommen hatte, und legte dann die Fingerspitzen auf der verschrammten Resopalplatte gegeneinander. Er war mit leeren Händen gekommen.

Keine Unterlagen, keine Aktenordner oder Notizbücher, nicht einmal einen der roten Plastikschnellhefter, wie er sie so sehr liebte. Sie wie mit dem Hieb einer Bullenpeitsche auf den Tisch zu klatschen, war gewissermaßen zu seinem Markenzeichen geworden, und im Präsidium ging das Gerücht um, dass er diese Fähigkeit nicht nur jahrelang trainiert hatte, sondern seine Schnellhefter auch oft genug leer waren.

Jetzt hätte Conny sich beinahe gewünscht, den peitschenden Schlag zu hören. Der kalte Blick, mit dem Eichholz sie musterte, und sein missfallend zusammengekniffener Mund machten sie nervös.

Die komplette oder teilweise Verwendung des folgenden Copyrightgeschützten Textes ist ausdrücklich untersagt. Die Texte sind nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt.

|
 |
 |
 |


 |
Unheil ist erschienen bei:

 |
|
 |